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Nennen wir uns doch: Kognitionsforscher

10.Oktober 2012  

Was unterscheidet eigentlich einen Hirnforscher von einem Kognitionspsychologen. Mit Kognitionspsychologen meine ich jetzt so einen wie mich. Grundlage meiner Arbeit sind Experimente, in denen Probanden unter kontrollierten Bedingungen im Labor untersucht werden (Menschenversuche also). Das Ziel dieser Experiment ist, kausale Zusammenhänge zwischen einer bestimmten Manipulation und dem daraus resultierenden Erleben und Verhalten zu identifizieren.

Die Herausforderung besteht darin, die Manipulation so eindeutig zu gestalten, dass ich mir sicher sein kann, dass das resultierende Erleben und Verhalten tatsächlich auf genau diese Manipulation (und keine anderen Störvariablen) zurückzuführen ist. Deshalb gibt es bei einem Experiment in der Regel eine Experimentalgruppe, in der eine bestimmte Manipulation durchgeführt wird und eine Kontrollgruppe, in der keine Manipulation durchgeführt wird. Wenn nun darauf geachtet wird, dass die beiden Gruppen sich sonst nicht unterscheiden, kann man die unterschiedliche Ergebnisse zwischen den beiden Gruppen (z. B. in Bezug auf Lernleistungen, Erinnerungen oder andere Variablen) auf die Manipulation zurückführen. Deshalb finden viele Experiment in einem künstlichen Setting statt, um sicherzustellen, dass keine andere Variablen die eigentliche Manipulation „stören“.

Ich beschreibe das an einem Beispiel aus meiner eigenen Forschung. Wir haben während der Fussball-Europameisterschaft Fans der deutschen Nationalmannschaft zu uns ins Labor eingeladen, und sie gebeten, an einem Wiki zu arbeiten und dort Informationen über ein geschichtliches Ereignis einzutragen. Dabei haben wir den Versuchspersonen in der Kontrollgruppe gesagt, das vor ihnen bereits andere Fussballfans der deutschen Mannschaft an dem Wiki gearbeitet haben. Den Versuchspersonen in der Experimentalgruppe haben wir gesagt, dass vor ihnen Gegner der deutschen Mannschaft an dem Wiki gearbeitet haben. Im Anschluss haben wir gemessen, welche Inhalte, die schon im Wiki standen, sich die Versuchspersonen merken konnten. Das Ergebnis: Die Versuchspersonen in der Bedingung mit deutschen Fussballfans konnten mehr Inhalte behalten als Versuchspersonen in der Bedingung, in der Gegner der deutschen Mannschaft am Wiki gearbeitet hatten. Jetzt kann ich also Aussagen darüber treffen, dass die Informationsverarbeitung eines Menschen (in diesem Fall gemessen über die Menge der erinnerten Informationen) offensichtlich auch soziale Aspekte mitberücksichtigt. Wenn ich glaube, dass Informationen von Menschen aus einer Outgroup (Gegner der Mannschaft dessen Fan ich bin) stammen, dann lerne ich weniger.

Und das unterscheidet einen Kognitionspsychologen von einem Hirnforscher. Als Kognitionspsychologie geht es mir weniger um die Frage, wo genau ein Prozess im Gehirn stattfindet, sondern welche Änderung im Erleben und Verhalten dieser Prozesse mit sich bringt (in diesem Beispiel also eine Veränderungen im Lernen oder Erinnern).

Ich verdeutliche den Unterschied zwischen Hirnforschern und Kognitionspsycholgen an einem fiktiven Beispiel, das ich irgendwo aufgeschnappt habe: Bei einem Taxifahrer zeigt sich, dass der Teil des Gehirns, der für Orientierung und räumliche Wissen zuständig ist, größer ist als bei anderen Menschen, z. B. als bei einem Busfahrer aus der gleichen Stadt. Das ist ein Indiz dafür, dass unser Gehirn eine hohe Plastizität hat, sich also abhängig von den Anforderungen verändert und anpasst. Das Problem: Diese Vergrößerung für sich genommen hat aber wenig Aussagekraft, solange sich daraus nicht Änderungen im Verhalten und Erleben ableiten lassen. Ich weiß nicht, ob der Taxifahrer sich generell besser orientieren kann, oder einfach nur seine eigene Stadt besser kennt. Ich weiß nicht, ob das auch auf andere kognitive Leistungen Einfluss hat, oder der Taxifahrer gar ingesamt intelligenter ist, als der Busfahrer mit kleinerem Gehirn. Ich weiß nicht ob dieser Taxifahrer den Weg schneller findet, als ein Busfahrer mit einem kleinem Gehirn. Wenn ja, was führt zu der besseren Leistung? Gibt es besondere Strategien, um sich räumlich zu orientieren? Und: Ich weiß noch nicht mal, ob das größere Gehirn wirklich mit der räumlichen Orientierung zu tun hat, oder ob es die mangelnde Bewegung ist, die damit kompensiert wird. Auch wenn die Frage nach dem „Wo?“ eines Prozesses, also die Verortung im Gehirn eine sehr spannende ist, so braucht es dringend auch die Frage nach den kausalen Zusammenhängen.

Ich finde es problematisch, dass der Öffentlichkeit suggeriert wird, Hirnforscher mit ihren spannenden und faszinierenden Bilder vom Gehirn könnten erklären, wie Denken funktioniert. Solange nicht das resultierenden Verhalten und Erleben berücksichtigt wird, haben wir es nämlich nur mit einer Beschreibung, aber nicht mit einer Erklärung zu tun.

Fazit: Kognitionsforscher schreibt über Eure Forschung! Mein nächster Blogbeitrag zum Thema: Denken, Lernen und Wahrnehmen findet gar nicht Kopf statt.

BIldnachweis: Andrew Mason via Wikimedia Commons

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